CO2-Daten im Speditionsausschreibungsprozess: So vergleichen Mittelstaendler Angebote sauber

Wer Speditionsangebote auch nach CO2e bewerten will, braucht vor allem eines: eine einheitliche Vergleichslogik. Mittelstaendische Verlader koennen Emissionsdaten in Ausschreibungen nur dann sauber gegeneinander stellen, wenn Vergleichseinheit, Berechnungsebene, Emissionssegment, Systemgrenze und Datenbasis vorgegeben oder nachvollziehbar offengelegt sind. Der Beitrag zeigt, wie sich CO2-Daten im Tender pruefbar abfragen, plausibilisieren und fuer den Regelbetrieb nutzbar machen lassen.

Wer Speditionsangebote nicht nur nach Preis und Service, sondern auch nach CO2e vergleichen will, braucht vor allem eines: eine einheitliche Vergleichslogik. Denn ein Emissionswert ist nur dann belastbar, wenn klar ist, was genau gemessen wurde, wie gerechnet wurde und auf welcher Datenbasis der Wert entstanden ist.

Gerade im Mittelstand scheitert der Vergleich oft nicht an fehlenden Zahlen, sondern an uneinheitlichen Annahmen. Ein Angebot nutzt Sendungswerte, das nächste Tourwerte. Mal wird TTW ausgewiesen, mal WTW. Mal basiert die Berechnung auf Primärdaten, mal auf Standardannahmen. Ergebnis: Die CO2e-Werte stehen zwar in der Ausschreibung, sind aber methodisch nicht sauber gegeneinander stellbar.

Warum CO2e-Daten im Tender schnell unbrauchbar werden

Für die Vergabe ist nicht entscheidend, ob ein Dienstleister einen Emissionswert liefern kann. Entscheidend ist, unter welchen Annahmen dieser Wert entstanden ist.

Damit CO2e-Daten in einer Ausschreibung wirklich vergleichbar sind, müssen vier Achsen zusammenpassen:

  • Vergleichseinheit
  • Berechnungsebene
  • Systemgrenze
  • Datenbasis

Erst wenn diese Punkte klar definiert oder vollständig offengelegt sind, lässt sich ein Wert sinnvoll mit einem anderen vergleichen. Zusätzlich muss das Emissionssegment eindeutig benannt werden – also ob TTW oder WTW gemeint ist.

Die fünf Fragen, die im Ausschreibungsprozess beantwortet sein müssen

Bevor CO2e-Werte in die Wertung einfließen, sollten Einkäufer und Logistikverantwortliche diese fünf Fragen klären:

  1. In welcher Einheit wird verglichen?
    Zum Beispiel kg CO2e je Sendung oder g CO2e je tkm.

  2. Auf welcher Ebene wurde gerechnet?
    Sendung, Tour oder Aggregation?

  3. Welches Emissionssegment liegt vor?
    TTW oder WTW?

  4. Welche Systemgrenze wurde verwendet?
    Nur Hauptlauf oder auch Vorlauf, Umschlag und Nachlauf?

  5. Auf welcher Datenbasis beruht der Wert?
    Primärdaten, Sekundärdaten, Default-Daten oder eine Mischform?

Wer diese Angaben nicht abfragt, vergleicht am Ende keine Leistungen, sondern Rechenmodelle.

Die vier Vergleichsachsen im Überblick

Vergleichsachse Leitfrage im Tender Typische Fehlerquelle
Vergleichseinheit In welcher Einheit wird gewertet? kg CO2e je Sendung wird mit g CO2e je tkm vermischt
Berechnungsebene Wurde auf Sendungs-, Tour- oder Aggregationsebene gerechnet? Toursummen werden sendungsbezogen bewertet
Systemgrenze Welche Prozessschritte sind enthalten? Hauptlauf wird mit Vorlauf plus Umschlag plus Nachlauf verglichen
Datenbasis Welche Eingangs- und Referenzdaten wurden verwendet? Distanz, Auslastung oder Allokation beruhen auf abweichenden Annahmen

Welche Berechnungsebene wann sinnvoll ist

Sendungsebene eignet sich vor allem dann, wenn die ausgeschriebene Leistung sendungsnah beschrieben ist, etwa im Stückgut-, Paket- oder Teilladungsbereich. Dann lässt sich ein Wert später auch für Kundenanfragen oder Carrier-Reviews weiterverwenden.

Toursebene passt besser, wenn Disposition, Stopplogik, Zeitfenster, Leerfahrten oder Auslastung den Emissionswert stark beeinflussen.

Aggregationsebene ist für Managementberichte oder Flottenvergleiche nützlich, aber für einzelne Relationen meist zu grob.

TTW und WTW sauber trennen

TTW beschreibt Emissionen aus dem Betrieb des Transportmittels. WTW bezieht zusätzlich die vorgelagerte Energie- oder Kraftstoffbereitstellung ein.

Für die Ausschreibung bedeutet das: TTW und WTW dürfen nicht direkt gegeneinander gewertet werden, wenn sie nicht auf derselben Basis beruhen. Das Emissionssegment muss deshalb als eigenes Pflichtfeld abgefragt werden.

Ebenso wichtig: Das Emissionssegment ist nicht dasselbe wie die Systemgrenze. Ein Angebot kann etwa WTW ausweisen und dennoch nur den Hauptlauf abbilden. Deshalb müssen beide Angaben getrennt abgefragt werden.

Welche Datenbasis in Ausschreibungen verlangt werden sollte

Nicht jeder Emissionswert entsteht auf derselben Datentiefe. Für die Praxis ist es deshalb wichtig, die Herkunft der Daten offen zu legen.

Datentyp Kurzbeschreibung Nutzen Grenze
Primärdaten direkt gemessene oder operativ erfasste Daten hohe Nähe zur realen Leistung nicht immer vollständig verfügbar
Sekundärdaten abgeleitete Referenzdaten oder Emissionsfaktoren ermöglichen strukturierte Vergleiche bilden die konkrete Relation oft nur vereinfacht ab
Default-Daten voreingestellte Annahmen bei fehlenden Angaben machen Berechnung trotz Lücken möglich können Ergebnisse deutlich beeinflussen
Mischformen Kombination aus Primär-, Sekundär- und Default-Daten in der Praxis häufigster Fall ohne Kennzeichnung schwer prüfbar

Wichtig ist: Sekundär- oder Default-Daten sind nicht automatisch problematisch. Sie müssen aber sichtbar sein. Gerade bei neuen Relationen oder neuen Anbietern sind Mischformen oft Realität. Dann sollte nicht nur der Emissionswert zählen, sondern auch die Transparenz der Methodik.

Was in die RFP- bzw. Bietermatrix gehört

Für eine saubere Ausschreibung ist weniger entscheidend, welches interne System genutzt wird. Entscheidend ist, welche Felder in der Bietermatrix verbindlich abgefragt werden.

Pflichtfelder für private Tender

  • Relation / Ursprung-Ziel
  • Verkehrsart / Segment
  • Vergleichseinheit
  • Berechnungsebene
  • Emissionswert
  • Emissionssegment
  • Systemgrenze / einbezogene Prozessschritte
  • Datenbasis
  • Datenherkunft
  • Distanzansatz
  • Gewicht / Mengenbezug
  • Fahrzeugtyp / Transportmittel
  • Kraftstoff / Energiequelle
  • Auslastungsannahme
  • Allokationsmethode bei Sammelgut oder Teilladung
  • Aktualitätsstand der Daten
  • Methodikblatt
  • Exportformat

Mustertext für die Ausschreibung

Bitte weisen Sie die angefragten THG-Emissionen in CO2e in der vorgegebenen Tabellenstruktur aus. Anzugeben sind mindestens Vergleichseinheit, Berechnungsebene, Emissionssegment, Systemgrenze beziehungsweise einbezogene Prozessschritte, Datenbasis, Datenherkunft, Distanzansatz, Auslastung und Allokationslogik bei Sammelgut oder Teilladungen. Ein bloßer Verweis auf einen Standard oder ein Tool ersetzt die Offenlegung der konkreten Methodik nicht. Unvollständige oder nicht prüffähige Angaben können bis zur Klärung von der THG-Wertung ausgeschlossen oder nur eingeschränkt bewertet werden. Die Daten sind in strukturierter Form bereitzustellen, nicht nur als PDF oder Screenshot.

Standards helfen – ersetzen aber keine Offenlegung

ISO 14083 und das GLEC Framework liefern einen wichtigen methodischen Rahmen für die Quantifizierung und Berichterstattung von THG-Emissionen in Transportketten. Das hilft bei Fragen zu Distanz, Allokation, Datenquellen und Reporting.

Trotzdem gilt: Der Verweis auf einen Standard macht Angebote nicht automatisch vergleichbar. Im Tender muss die konkret verwendete Methode offengelegt werden. Dazu gehören insbesondere:

  • THG-Emissionen in CO2e und exakte Einheit
  • Berechnungsebene
  • Emissionssegment
  • Systemgrenze
  • Distanzansatz
  • Gewichts-, Volumen- oder Mengenbezug
  • Fahrzeugtyp oder Transportmittel
  • Kraftstoff oder Energiequelle
  • Auslastungsannahmen
  • Allokationsmethode
  • Datenherkunft
  • Aktualitätsstand
  • strukturierter Export für den Regelbetrieb

So sollte die Bewertung aufgebaut sein

Die sauberste Lösung trennt THG-Daten in zwei Stufen:

  1. Zulassung über Mindestangaben
  2. Punktewertung nur für zugelassene Angebote

Damit vermeiden Mittelständler, dass unvollständige Emissionswerte indirekt über Preis oder Service mitlaufen.

Mindestkriterien für die THG-Wertung

Muss-Kriterium Mindestanforderung Folge bei Nichterfüllung
Vergleichseinheit benannt z. B. kg CO2e je Sendung keine THG-Wertung
Berechnungsebene benannt Sendung, Tour oder Aggregation keine Vergleichbarkeit
Emissionssegment benannt TTW oder WTW keine direkte Vergleichbarkeit
Datenbasis offen gelegt Distanz, Gewicht, Fahrzeug, Kraftstoff Nachforderung
Systemgrenze beschrieben einbezogene Prozessschritte benannt Nachforderung
Allokation dokumentiert bei Sammelgut / Teilladung reduzierte oder keine THG-Wertung
Methodikblatt vorhanden Kurzbeschreibung des Rechenwegs Nachforderung
Strukturierte Datenlieferung Tabelle statt nur PDF keine Regelbetriebsfreigabe

Kompakte Bewertungslogik

  1. Vollständigkeit prüfen
    Sind alle Muss-Felder vorhanden?

  2. Fachlich plausibilisieren
    Passen Vergleichseinheit, Berechnungsebene, Emissionssegment und Systemgrenze zur ausgeschriebenen Leistung?

  3. Nachfordern
    Fehlende oder widersprüchliche Angaben werden mit Frist nachgefordert.

  4. Nur zugelassene Angebote bewerten
    Erst dann fließen THG-Punkte in die Vergabe ein.

Ein Praxisfall: Zwei Angebote, zwei Methoden

Ein mittelständischer Maschinenbauer schreibt eine feste nationale Stückgutrelation aus. Beide Bieter liefern einen CO2e-Wert je Sendung.

Kriterium Bieter A Bieter B
Preis pro Sendung 98 Euro 101 Euro
Serviceerfüllung 96 Prozent 98 Prozent
Emissionswert 18,4 kg CO2e je Sendung 22,7 kg CO2e je Sendung
Emissionssegment nicht klar benannt WTW
Datenbasis Standarddistanz, Standardauslastung relationenbezogene Distanz, Gewicht, Fahrzeug, Kraftstoff
Datenherkunft Sekundär- und Default-Daten Mischform mit hohem Primärdatenanteil
Systemgrenze nicht vollständig beschrieben Vorlauf, Hauptlauf, Umschlag, Nachlauf
Allokation allgemein nach Gewicht dokumentiert
Exportformat PDF CSV

Auf den ersten Blick scheint Bieter A klimaseitig besser. Fachlich ist das aber noch kein belastbarer Befund.

Nach der Nachforderung zeigt sich: Bieter A kann das Emissionssegment, die Systemgrenze und die Auslastungsannahmen nicht sauber belegen. Bieter B liefert dagegen eine nachvollziehbare Methodik und einen exportfähigen Datensatz.

Das Ergebnis ist deshalb plausibel: Nicht der niedrigere CO2e-Wert gewinnt, sondern das methodisch sauberere und operativ nutzbare Angebot.

KPI, Regelbetrieb und schlanker Einstieg

Für viele Mittelständler braucht der Einstieg kein Großprojekt. Ein schlanker Pilot mit wenigen Relationen und einer klaren Nachforderungslogik reicht oft aus.

Sinnvolle Verantwortlichkeiten

  • Einkauf: Bieterkommunikation, Ausschreibungslogik, Freigabe
  • Logistik: fachliche Prüfung von Relation, Auslastung, Allokation und Segment
  • Controlling / Nachhaltigkeit: Dokumentation, Plausibilisierung, KPI-Logik
  • IT: Datenexport, Übernahme, Schnittstellen

Praktischer 14-Tage-Start

  • Tag 1 bis 2: Pilotumfang festlegen
  • Tag 3 bis 5: RFP-Pflichtfelder definieren
  • Tag 6 bis 8: Bietermatrix bauen
  • Tag 9 bis 11: internen Referenzkorridor vorbereiten
  • Tag 12 bis 14: Nachforderung und Regelbetrieb festziehen

Drei einfache KPI-Regeln

  1. Erst Zulassung, dann Kennzahlenvergleich.
  2. Nur gleiche Verkehrssegmente und dasselbe Emissionssegment vergleichen.
  3. Jede KPI braucht eine klare Folgeaktion.

Checkliste vor der Vergabe

  • Ist die Vergleichseinheit bei allen Bietern gleich?
  • Ist die Berechnungsebene identisch oder sauber getrennt?
  • Ist das Emissionssegment bei allen Bietern gleich benannt?
  • Ist die Systemgrenze explizit beschrieben?
  • Ist die Datenbasis für Distanz, Gewicht, Fahrzeug und Kraftstoff offengelegt?
  • Ist die Allokation bei Sammelgut nachvollziehbar?
  • Liegt ein Methodikblatt vor?
  • Sind die Daten strukturiert exportierbar?
  • Gibt es Ausreißer, die methodisch erklärt werden müssen?

FAQ: Häufige Fragen zu CO2-Daten in Speditionsausschreibungen

Wann sind CO2e-Werte wirklich vergleichbar?

Dann, wenn mindestens Vergleichseinheit, Berechnungsebene, Systemgrenze und Datenbasis zusammenpassen oder vollständig offengelegt sind. Für die Wertung kommt zusätzlich das Emissionssegment hinzu.

Reicht ein niedriger CO2e-Wert als Vergabevorteil?

Nein. Ein niedriger Wert ohne dokumentierte Methode sollte nicht automatisch besser bewertet werden.

Was ist der Unterschied zwischen Vergleichseinheit und Berechnungsebene?

Die Vergleichseinheit beschreibt die Einheit des Werts, etwa kg CO2e je Sendung. Die Berechnungsebene beschreibt, auf welcher Ebene gerechnet wurde, etwa Sendung, Tour oder Aggregation.

Reicht der Verweis auf ISO 14083 im Angebot aus?

Nein. Der Standard ist ein wichtiger Referenzrahmen, ersetzt im Tender aber nicht die Offenlegung der konkreten Methodik.

Was ist bei TTW und WTW wichtig?

TTW beschreibt Emissionen aus dem Transportbetrieb. WTW umfasst zusätzlich die vorgelagerte Energie- oder Kraftstoffbereitstellung. Beide Werte dürfen nicht ohne klare Kennzeichnung verglichen werden.

Wie geht man mit neuen Bietern ohne relationenscharfe Primärdaten um?

Nicht automatisch ausschließen. Wenn Methode, Annahmen, Emissionssegment und Systemgrenze transparent sind, kann eine Zulassung möglich sein. In der Punktewertung sollte die geringere Datentiefe aber sichtbar bleiben.

Reicht für Mittelständler eine Excel-Vorlage?

Oft ja. Entscheidend ist nicht das Tool, sondern die einheitliche Logik aus Pflichtfeldern, Nachforderung und Wertung.

Fazit

In privaten Speditionsausschreibungen gewinnt nicht automatisch der niedrigste CO2e-Wert, sondern das methodisch sauberste, prüfbarste und im Regelbetrieb nutzbare Angebot.

Die Leitlinie für Mittelständler ist einfach:

  • gleiche Vergleichseinheit
  • gleiche Berechnungsebene
  • gleiches Emissionssegment
  • gleiche oder offen gelegte Systemgrenze
  • transparente Datenbasis
  • klare Nachforderungslogik

Erst wenn diese Basis steht, taugen THG-Emissionen in CO2e als ernsthaftes Vergabekriterium.

Weiterführende Hinweise

Für den Einstieg empfiehlt sich ein Pilot-RFP mit wenigen Relationen. So lässt sich die Methodik im eigenen Haus testen, bevor CO2e-Kriterien flächig in die Vergabe einfließen.